Der Führungstreffer der Niederländer gegen Italien im gestrigen EM-Gruppenspiel gab Rätsel auf. Viele Zuschauer, aber auch so genannte Experten gingen davon aus, dass Van Nistelrooy zum Zeitpunkt der Ballabgabe im Abseits stand. Allerdings lag Christian Panucci hinter der Torlinie, damit außerhalb des Spielfeldes auf dem Boden – und hob das Abseits dadurch auf. Um es vorwegzunehmen: Van Nistelrooys Tor war regulär – trotzdem hätte es nicht gegeben werden dürfen. Ein Widerspruch? Mitnichten. Bei unklaren Fragen hilft oft ein Blick ins Regelbuch. „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen und verwarnt den verteidigenden Spieler bei der nächsten Spielunterbrechung, weil er das Spielfeld ohne Erlaubnis des Schiedsrichters absichtlich verlassen hat.“ Mekrwürdig, dass UEFA-Generalsekretärs David Taylor behauptet, es stimme, dass in einer älteren Textfassung der Regelauslegung der Begriff „absichtlich“ aufgetreten sei, „aber diese Fassung ist nicht mehr gültig“.
Angenommen, Taylor irrt sich, und der Begriff „absichtlich“ ist gültig. Im gestrigen Spiel Holland gegen Italien hatte Panucci das Spielfeld nicht absichtlich verlassen, der schwedische Referee Peter Fröjdfeldt zeigte dem italienischen Abwehrspieler folgerichtig nicht die Gelbe Karte. Hätte Fröjdfeldt angenommen, Panucci hätte absichtlich die Spielfläche verlassen, hätte er ihn auch verwarnen müssen. Da der Schiedsrichter Panucci jedoch nicht verwarnte, ging er auch nicht von einer absichtlichen Handlung des Italieners aus.
Aber selbst wenn wir annehmen, Taylor kenne die Regeln und der Begriff „absichtlich“ sei tatsächlich herausgestrichen worden, ist das Tor nicht zu geben. „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen.“ Taylor hat nun zwei Probleme.
Erstens hat sich Panucci nicht hinter die eigene Torlinie begeben, und selbst wenn man argumentiert, dass er sich ins Toraus begeben habe, so tat er dies nicht, „um einen Gegner abseits zu stellen“. Das Gegenargument lautet natürlich, woher ich das wissen will. Ich sehe Panucci ja nicht in den Kopf, nicht wahr?
Man kann so argumentieren, dann muss man beispielsweise jedes, aber auch wirklich jedes Handspiel abpfeifen, egal ob Absicht oder nicht. Ich sehe ja auch nicht in Kopf des Spielers, der den Ball mit der Hand berührt, nicht wahr?
Jetzt kommt freilich noch das ultimative Killerargument. Panucci hat sich selbstverständlich mit voller Absicht von Buffon umrennen lassen, um anschließend Van Nistelrooy abseits zu stellen und die Holländer mit diabolischer Absicht zu hintergehen. Ja nee, is klar. Die Amerikaner sind nie auf dem Mond gelandet, Bielefeld existiert nicht, und für 9/11 ist auch nicht Osama Bin Laden verantwortlich, sondern die CIA.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Die Zusatzbestimmungen zur Abseitsregel sind sinnvoll, sie sollen unsportliches Verhalten verhindern. „Wenn diese Regel nicht so wäre, wie sie ist, würden Abwehrspieler ganz häufig einfach das Spielfeld verlassen und den Stürmer abseits stellen. Das wäre eine Farce. Diese Regel will das verhindern“, erklärt DFB-Schiedsrichterlehrwart Eugen Striegel und hat damit vollkommen Recht. Hätte Striegel allerdings gestern das Spiel gesehen, wüsste der ehemalige Bundesligaschiedsrichter natürlich, dass Panucci nicht „einfach das Spielfeld verlassen“ hat, sondern durch einen Zusammenprall mit dem eigenen Torwart Gianluigi Buffon hinter die Torlinie gestoßen wurde.
Noch abstruser in diesem Zusammenhang sind die Erläuterungen Taylors. „Auch wenn ein Spieler nicht auf dem Spielfeld ist, ist er im Spiel“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Warum hat das bloß bis jetzt niemand den Einwechselspielern gesagt? Man fragt sich, warum ein Spieler außerhalb des Spielfeldes behandelt werden darf, wenn er doch noch immer im Spiel ist.
Die Antwort der Besserwisser wird nicht lange auf sich warten lassen: Weil er sich beim Schiedsrichter abgemeldet hat, und sich wieder anmelden muss, um wieder mitspielen zu dürfen. Warum sich aber ein Spieler, der sich außerhalb der Seitenlinie zum Einwurf begibt, den er dann doch nicht ausführt, nicht wieder anmelden muss, obwohl er absichtlich und unerlaubter Weise das Spielfeld verlassen hat, bleibt unklar.
Auf den Punkt gebracht: Das 1:0 der Holländer war regelkonform, dem Sinn der Regel entsprach es nicht. Schiedsrichter Peter Fröjdfeldt hat sich vielleicht an die Buchstaben der Regel 11 gehalten, aber nicht an deren Geist. Auf dem Fußballfeld brauchen wir aber keine Bürokraten und UEFA-Apparatschiks, sondern Schiedsrichter mit Fingerspitzengefühl. Ein weniger bornierter Referee hätte das Tor nicht gegeben.


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