Der tote Polizist Filippo Raciti war eine Chance für den italienischen Fußball radikale Änderungen einzuleiten, und sie ist, wie viele vor ihr, vertan worden. Als der Verbandspräsident Luca Pancalli nach der Tragödie von Catania den Spielbetrieb im Land auf unbestimmte Zeit aussetzte, durfte man hoffen, dass die Unterbrechung länger als eine Woche andauern würde. Freilich hätte es, um die Probleme des Calcio zu lösen, die, was kaum jemand ausgesprochen hat, die Probleme einer ganzen Gesellschaft sind, eine Pause von Jahren bedurft. Undenkbar für die Fußballbosse, auch nur daran zu denken. Schließlich muss die Show weitergehen, die Gier will gestillt sein. Die Entscheidung des Verbandes, nach nur wenigen Tagen den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, ist zu akzeptieren. Aber werden die ergriffenen Maßnahmen wirken? Werden sie weitere Gewalt verhindern können? Wohl kaum, denn den Oberen scheint ein Wort fremd zu sein: Ursachenforschung. Sicher, die Strafen und Regeln sind verschärft worden. Das aber ist nur das leise Kratzen an der Oberfläche. Woher kommt dieser Hass für die Staatsbeamten? Wie gestört muss das Verhältnis zwischen Bürger und Polizei sein, dass letzteren der Tod gewünscht wird? Was kann man tun, um die Verachtung aus den Herzen zu bekommen? Fragen, die nicht gestellt wurden, aber essentiell für eine Lösung. Die Maßnahmen behandeln die Symptome, sie heilen den Patienten nicht. Der Patient ist nicht der Fußball, der ist nur ein Trittbrett. Krank ist die italienische Gesellschaft. Man kann die Gefängnisstrafen erhöhen, auch die Sicherheit in den Stadien, man kann die Menschen aussperren, den Ticketverkauf an organisierte Auswärtsfans verbieten. Vielleicht wird man für einige Zeit Ruhe haben. Möglicherweise sind all dies sogar richtige, notwendige Schritte, um Ausschreitungen wie in Catania zu verhindern. Aber sie werden verpuffen, wenn nicht sofort damit begonnen wird, gegen die Ursachen der Gewalt vorzugehen. Das aber ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft, eine langwierige und schwierige dazu, eine, die uns zwingt, unsere Verantwortung anzuerkennen und zu übernehmen. Schon hört man erste Gegenstimmen: Hooligans töten einen Polizisten und wir sollen dafür die Verantwortung tragen? Für primitive Krawallmacher? Dass die Jugendlichen in Catania und woanders nicht nur Täter, sondern zugleich auch Opfer sind, ist der erste Schritt, eine nachhaltige Änderung der italienischen Fußballkultur herbeizuführen. Zuerst einmal gilt es die Barriere im Kopf zu lösen, die zwischen uns und „denen da“ unterscheidet. Es sind unsere Söhne, ein Teil unserer Gesellschaft, auch wenn das nicht jedem gefallen mag. Sie, und leider nicht sie allein, sind Opfer eines immensen Versagens der Erziehung sowohl auf privater als auch staatlicher Ebene. Opfer einer mafiösen Struktur, die das Land wie eine Krake längst nicht nur mehr im Süden im Griff hält. Einer Kultur, die den Staat und ihre Vertreter für den Feind hält, die jeden Respekt vor ihm verloren hat. Falls sie ihn je besaß. Was also ist über schärfere Regeln hinaus zu tun? Gewaltprävention. Fan- und Schulprojekte. Dialog mit den Ultras. Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, gegen die Mafia. Vorbildliches Verhalten der Beamten zu jedem Zeitpunkt. Perspektiven schaffen für die Jugend. Zugegeben, eine Änderung der Kultur des Umgangs miteinander ist nicht von heute auf morgen zu erreichen. Viele werden sie für utopisch halten. Aber wenn wir es nicht wenigstens versuchen, wenn wir jetzt nicht damit beginnen, dann war Filippo Raciti nicht der letzte Tote des Calcio.
Februar 14, 2007