Anfang der 1990er Jahre interessierte ich mich aus mir heute unerfindlichen Gründen für den österreichischen Fußball, und das nicht nur für die 1. Liga, sondern für so ziemlich alles, dessen ich habhaft werden konnte. Dabei ist statistisch nachgewiesen, dass sich niemand, auch wirklich gar niemand für den Fußball in Österreich interessiert – von ein paar Österreichern abgesehen, und vielleicht noch einer handvoll jugoslawischer Spieleragenten, die ihre zweitklassigen Landsmänner im Nachbarland unterbringen wollen.

Wie dem auch sei – eines Tages stieß ich, das genaue Datum kenne ich leider nicht mehr, auf einen Verein namens Flavia Solva. Flavia wer? Flavia Solva. Das ließ mich dann doch ein wenig stutzen. Mit Slavia Folva hätte ich vielleicht noch etwas anfangen können, annehmend, es handle sich um einen Verein der tschechischen Minderheit, etwa so wie Slovan Wien. Aber der Klub hieß Flavia Solva, nicht Slavia Folva, abgesehen von der Tatsache, das ich unmöglich eine Stadt namens Folva hätte finden können – aus dem einfachen Grund, dass sie schlichtweg nicht existiert.

Wenig überraschend stellte ich allerdings fest, dass es auch keinen Ort namens Solva gab, jedenfalls nicht in meinem Atlas. In der ersten Hälfte der 1990er Jahr war das Internet noch nicht zu uns vorgedrungen (von Wikipedia hatte auch Jimmy Wales keinen blassen Schimmer), und ich musste mich bei meiner Recherche auf einen amerikanischen Weltatlas verlassen, den uns ein Familienfreund überlassen hatte. Verständlicherweise war in diesem Kartenmaterial nicht jedes Kaff eingezeichnet, was mich zu der Überlegung führte, es gäbe möglicherweise einen Ort namens Solva, aber mit 300 Einwohnern und ebenso vielen Kühen, und da konnte ich natürlich so lange mit der Lupe in der Hand suchen wie ich wollte, es ließe sich ja doch nichts finden.

Dazu muss man wissen, dass es für ein kleines Land wie Österreich nicht ungewöhnlich ist, dass auch Vereine aus kleineren Ortschaften den Weg in die dritte oder gar zweite Liga finden. Ich erinnere mich an den Fall des ASK Baumgarten, der in den 1990ern in der Regionalliga spielte und den ich partout nicht lokalisieren konnte. Später fand ich heraus, dass Baumgarten über gut 800 Einwohner verfügt und deshalb nur auf sehr detaillierten Karten zu finden war, die ich damals leider nicht mein Eigen nennen konnte konnte.

Doch zurück zu Flavia Solva. Ich kam – wie, dass weiß ich nicht mehr genau – zu einem Saisonsonderheft der österreichischen Bundesliga. Was mich wochen- oder gar monatelang beschäftigte, stand dort schwarz auf weiß, als sei es eine Information wie jede andere auch: Vereinsname: SV Flavia Solva. Ort: Wagna. Nun war das Rätsel zwar gelüftet, aber es blieben eine Menge Fragen. Wo lag Wagna? Wer oder was war Flavia Solva? Und warum hieß der Verein nicht zumindest Flavia Solva Wagna?

Ich weiß nicht mehr wie, aber ich fand heraus, dass Flavia Solva eine einstige römische Siedlung in der Nähe von Wagna in der Südsteiermark war. Zunächst einfach Solva genannt, erhielt der Ort um 70 n.Chr. den Beinamen Flavia, nachdem Kaiser Flavius Vespasianus die Siedlung zu einer Stadt erhoben hatte. Flavia Solva ist vermutlich der einzige Fußballklub weltweit, der nach einer ehemaligen römischen Siedlung benannt ist.

Ach ja, Flavia Solva ging übrigens nach vier Jahren in der 2. österreichischen Division im April 1997 in den Konkurs und verschwand für lange Jahre von der Fußballlandkarte…

Der Führungstreffer der Niederländer gegen Italien im gestrigen EM-Gruppenspiel gab Rätsel auf. Viele Zuschauer, aber auch so genannte Experten gingen davon aus, dass Van Nistelrooy zum Zeitpunkt der Ballabgabe im Abseits stand. Allerdings lag Christian Panucci hinter der Torlinie, damit außerhalb des Spielfeldes auf dem Boden – und hob das Abseits dadurch auf. Um es vorwegzunehmen: Van Nistelrooys Tor war regulär – trotzdem hätte es nicht gegeben werden dürfen. Ein Widerspruch? Mitnichten. Bei unklaren Fragen hilft oft ein Blick ins Regelbuch. „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen und verwarnt den verteidigenden Spieler bei der nächsten Spielunterbrechung, weil er das Spielfeld ohne Erlaubnis des Schiedsrichters absichtlich verlassen hat.“ Mekrwürdig, dass UEFA-Generalsekretärs David Taylor behauptet, es stimme, dass in einer älteren Textfassung der Regelauslegung der Begriff „absichtlich“ aufgetreten sei, „aber diese Fassung ist nicht mehr gültig“.

Angenommen, Taylor irrt sich, und der Begriff „absichtlich“ ist gültig. Im gestrigen Spiel Holland gegen Italien hatte Panucci das Spielfeld nicht absichtlich verlassen, der schwedische Referee Peter Fröjdfeldt zeigte dem italienischen Abwehrspieler folgerichtig nicht die Gelbe Karte. Hätte Fröjdfeldt angenommen, Panucci hätte absichtlich die Spielfläche verlassen, hätte er ihn auch verwarnen müssen. Da der Schiedsrichter Panucci jedoch nicht verwarnte, ging er auch nicht von einer absichtlichen Handlung des Italieners aus.

Aber selbst wenn wir annehmen, Taylor kenne die Regeln und der Begriff „absichtlich“ sei tatsächlich herausgestrichen worden, ist das Tor nicht zu geben. „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen.“ Taylor hat nun zwei Probleme.

Erstens hat sich Panucci nicht hinter die eigene Torlinie begeben, und selbst wenn man argumentiert, dass er sich ins Toraus begeben habe, so tat er dies nicht, „um einen Gegner abseits zu stellen“. Das Gegenargument lautet natürlich, woher ich das wissen will. Ich sehe Panucci ja nicht in den Kopf, nicht wahr?

Man kann so argumentieren, dann muss man beispielsweise jedes, aber auch wirklich jedes Handspiel abpfeifen, egal ob Absicht oder nicht. Ich sehe ja auch nicht in Kopf des Spielers, der den Ball mit der Hand berührt, nicht wahr?

Jetzt kommt freilich noch das ultimative Killerargument. Panucci hat sich selbstverständlich mit voller Absicht von Buffon umrennen lassen, um anschließend Van Nistelrooy abseits zu stellen und die Holländer mit diabolischer Absicht zu hintergehen. Ja nee, is klar. Die Amerikaner sind nie auf dem Mond gelandet, Bielefeld existiert nicht, und für 9/11 ist auch nicht Osama Bin Laden verantwortlich, sondern die CIA.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Die Zusatzbestimmungen zur Abseitsregel sind sinnvoll, sie sollen unsportliches Verhalten verhindern. „Wenn diese Regel nicht so wäre, wie sie ist, würden Abwehrspieler ganz häufig einfach das Spielfeld verlassen und den Stürmer abseits stellen. Das wäre eine Farce. Diese Regel will das verhindern“, erklärt DFB-Schiedsrichterlehrwart Eugen Striegel und hat damit vollkommen Recht. Hätte Striegel allerdings gestern das Spiel gesehen, wüsste der ehemalige Bundesligaschiedsrichter natürlich, dass Panucci nicht „einfach das Spielfeld verlassen“ hat, sondern durch einen Zusammenprall mit dem eigenen Torwart Gianluigi Buffon hinter die Torlinie gestoßen wurde.

Noch abstruser in diesem Zusammenhang sind die Erläuterungen Taylors. „Auch wenn ein Spieler nicht auf dem Spielfeld ist, ist er im Spiel“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Warum hat das bloß bis jetzt niemand den Einwechselspielern gesagt? Man fragt sich, warum ein Spieler außerhalb des Spielfeldes behandelt werden darf, wenn er doch noch immer im Spiel ist.

Die Antwort der Besserwisser wird nicht lange auf sich warten lassen: Weil er sich beim Schiedsrichter abgemeldet hat, und sich wieder anmelden muss, um wieder mitspielen zu dürfen. Warum sich aber ein Spieler, der sich außerhalb der Seitenlinie zum Einwurf begibt, den er dann doch nicht ausführt, nicht wieder anmelden muss, obwohl er absichtlich und unerlaubter Weise das Spielfeld verlassen hat, bleibt unklar.

Auf den Punkt gebracht: Das 1:0 der Holländer war regelkonform, dem Sinn der Regel entsprach es nicht. Schiedsrichter Peter Fröjdfeldt hat sich vielleicht an die Buchstaben der Regel 11 gehalten, aber nicht an deren Geist. Auf dem Fußballfeld brauchen wir aber keine Bürokraten und UEFA-Apparatschiks, sondern Schiedsrichter mit Fingerspitzengefühl. Ein weniger bornierter Referee hätte das Tor nicht gegeben.


Mother Hughes, Drogheda, Eire, originally uploaded by footballnomad.

Mother Hughes Pub, Home of the Drogs, shorty after the soccer match Drogheda United vs. Sligo Rovers (3-0), Eircom Premier League, April 13th 2007 

AWD arena, Hannover, originally uploaded by footballnomad.

AWD arena in Hannover about an hour before the derby Hannover 96 vs. Hamburger SV, March 17 2007

Der tote Polizist Filippo Raciti war eine Chance für den italienischen Fußball radikale Änderungen einzuleiten, und sie ist, wie viele vor ihr, vertan worden. Als der Verbandspräsident Luca Pancalli nach der Tragödie von Catania den Spielbetrieb im Land auf unbestimmte Zeit aussetzte, durfte man hoffen, dass die Unterbrechung länger als eine Woche andauern würde. Freilich hätte es, um die Probleme des Calcio zu lösen, die, was kaum jemand ausgesprochen hat, die Probleme einer ganzen Gesellschaft sind, eine Pause von Jahren bedurft. Undenkbar für die Fußballbosse, auch nur daran zu denken. Schließlich muss die Show weitergehen, die Gier will gestillt sein. Die Entscheidung des Verbandes, nach nur wenigen Tagen den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, ist zu akzeptieren. Aber werden die ergriffenen Maßnahmen wirken? Werden sie weitere Gewalt verhindern können? Wohl kaum, denn den Oberen scheint ein Wort fremd zu sein: Ursachenforschung. Sicher, die Strafen und Regeln sind verschärft worden. Das aber ist nur das leise Kratzen an der Oberfläche. Woher kommt dieser Hass für die Staatsbeamten? Wie gestört muss das Verhältnis zwischen Bürger und Polizei sein, dass letzteren der Tod gewünscht wird? Was kann man tun, um die Verachtung aus den Herzen zu bekommen? Fragen, die nicht gestellt wurden, aber essentiell für eine Lösung. Die Maßnahmen behandeln die Symptome, sie heilen den Patienten nicht. Der Patient ist nicht der Fußball, der ist nur ein Trittbrett. Krank ist die italienische Gesellschaft. Man kann die Gefängnisstrafen erhöhen, auch die Sicherheit in den Stadien, man kann die Menschen aussperren, den Ticketverkauf an organisierte Auswärtsfans verbieten. Vielleicht wird man für einige Zeit Ruhe haben. Möglicherweise sind all dies sogar richtige, notwendige Schritte, um Ausschreitungen wie in Catania zu verhindern. Aber sie werden verpuffen, wenn nicht sofort damit begonnen wird, gegen die Ursachen der Gewalt vorzugehen. Das aber ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft, eine langwierige und schwierige dazu, eine, die uns zwingt, unsere Verantwortung anzuerkennen und zu übernehmen. Schon hört man erste Gegenstimmen: Hooligans töten einen Polizisten und wir sollen dafür die Verantwortung tragen? Für primitive Krawallmacher? Dass die Jugendlichen in Catania und woanders nicht nur Täter, sondern zugleich auch Opfer sind, ist der erste Schritt, eine nachhaltige Änderung der italienischen Fußballkultur herbeizuführen. Zuerst einmal gilt es die Barriere im Kopf zu lösen, die zwischen uns und „denen da“ unterscheidet. Es sind unsere Söhne, ein Teil unserer Gesellschaft, auch wenn das nicht jedem gefallen mag. Sie, und leider nicht sie allein, sind Opfer eines immensen Versagens der Erziehung sowohl auf privater als auch staatlicher Ebene. Opfer einer mafiösen Struktur, die das Land wie eine Krake längst nicht nur mehr im Süden im Griff hält. Einer Kultur, die den Staat und ihre Vertreter für den Feind hält, die jeden Respekt vor ihm verloren hat. Falls sie ihn je besaß. Was also ist über schärfere Regeln hinaus zu tun? Gewaltprävention. Fan- und Schulprojekte. Dialog mit den Ultras. Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, gegen die Mafia. Vorbildliches Verhalten der Beamten zu jedem Zeitpunkt. Perspektiven schaffen für die Jugend. Zugegeben, eine Änderung der Kultur des Umgangs miteinander ist nicht von heute auf morgen zu erreichen. Viele werden sie für utopisch halten. Aber wenn wir es nicht wenigstens versuchen, wenn wir jetzt nicht damit beginnen, dann war Filippo Raciti nicht der letzte Tote des Calcio.

Dieser von Michael Brenner und Stefan Rohrbacher herausgegebene Band beinhaltet 15 Aufsätze, die sich mit Juden und Sport beschäftigen, davon neun mit eindeutigem Fußballbezug.

In „Hakoah Wien: Gedanken über eine Legende“ berichtet John Bunzl über einen der erfolgreichsten jüdischen Vereine in Europa. Politischer und gesellschaftlicher Hintergrund, die Bedeutung für das jüdische Selbstbewusstsein, sportliche Begegnungen mit nichtjüdischen Vereinen sind die  Hauptthemen dieses kurzen Aufsatzes.

 „Ein kultureller Code?“ von Michael John ergründet dem Untertitel zufolge den „Antisemitismus im österreichischen Sport der Ersten Republik“. Auch hier wird der erste österreichische Profifußballmeister Hakoah Wien genauer beleuchtet. Überzeugend dargelegt hat John das ambivalente Vorgehen des Ständestaats-Regimes  (1934 – 1938). Was noch wichtiger ist: er widerlegt die These vom „kulturellen Code“, und stellt die konkrete Form des Antisemitismus dar.

Das Ende des Wiener Profifußballs, aber auch die Situation in Deutschland und im Sudetenland behandelt der Aufsatz „“Ein Gift, mit echt jüdischer Geschicklichkeit ins Volk gespritzt“: Nationalsozialistische Judenverfolgung und das Ende des mitteleuropäischen Profifußballes, 1938-1941″ von Rudolf Oswald.

Tony Collins beleuchtet in „Juden, Antisemitismus und Sport in England“ das Schicksal jüdischer Sportler in Großbritannien. Auch tritt wieder deutlich das Stereotyp der damaligen Zeit zutage: Der Jude als physischer Schwächling.

In die heutige Zeit springt John Efron mit seinem Aufsatz „Wo ein Yid kein Jude ist: Ein seltsamer Fall von Fan-Identität beim englischen Fußballklub Tottenham Hotspur“. John Efron schreibt sehr flüssig und schafft es mit eingestreuten Zitaten von Tottenham Fans dieses Phänomen spannend aber auch wissenschaftlich sauber darzustellen.

Die Situation in Ungarn untersuchen Victor Karady und Miklós Hadas in „Fußball und Antisemitismus in Ungarn: Fußballerische Rivalitäten vor Beginn der kommunistischen Herrschaft“. Den beiden gelingt eine hervorragende, wenn auch knappe Darstellung des ungarischen Fußballs vor dem Hintergrund Antisemitismus bis 1956.

Die deutsche Situation wird in „Juden im deutschen Sport während der Weimarer Republik“ von Jacob Borut dargestellt. 

Eine sehr aufschlussreiche Darstellung des jüdischen Lagersports gelingt Philipp Grammers in „Ichud Landsberg gegen Makabi München. Der Sport im DP-Lager 1945-1948 legt Philipp Grammers vor. Überraschend mag dabei die große Rivalität der jüdischen Sportler untereinander in dieser schwierigen Zeit erscheinen.

„Fußball und seine Funktionen für das Überleben im Exil. Das Beispiel der NS-Flüchtlinge in Shanghai“ von Albert Lichtblau beleuchtet viele interessante Aspekte des jüdischen Exilsports, vor allem des Fußball (aber auch der Boxsport wird kurz angesprochen): Ablenkungs- und Stabilisierungsfunktion, die Attraktivität (der Sportler), die jüdische Identität, Netzwerkbildung, Familienersatz und Neubeginn. Einen großen Platz bekommt Leo Mayer eingeräumt, der Star der Jewish League in Shanghai.

Insgesamt ist der Band sehr empfehlenswert, denn Sportgeschichte wird hier in spannender Weise mit der gesellschaftlichen und politischen Situation in Mitteleuropa (zumeist) vor dem Zweiten Weltkrieg  verwoben.

Das Buch gibt es kostenlos zu bestellen bei der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit:

http://www.km.bayern.de/blz/publikationen/katalog/details.aspx?300554 

Tunesienvs. Saudi Arabien Eintrittskarte Tunesien - Saudi Arabien, WM 2006 Tunesien - Saudi Arabien, WM 2006

FIFA Weltmeisterschaft 2006

Mi., 14.06.2006, FIFA WM Stadion München, 66.000 Zuschauer

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